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Per Pedes: 120 Kilometer durch die Lüneburger Heide

17. Juli 2018 | Landgänge

Einfach mal den Rucksack aufsetzen, die Haustür abschließen und schauen, wie weit man in sechs Tagen zu Fuß kommt. Wir haben es von Hamburg-Fischbek bis nach Soltau geschafft. Quer durch die nördliche Lüneburger Heide – auf dem sogenannten „Heidschnucken-Wanderweg“. Nur laufen, essen, schlafen. Handy nur für den Notfall, kein I-Pad, kein Terminkalender.

Per Pedes: 120 Kilometer durch die Lüneburger Heide

Ich werde immer mal wieder gefragt, wie denn ein Seemann wohl Urlaub macht. Der Standardwitz lautet dann, sicherlich macht er eine Kreuzfahrt… Nein, das haben wir in der Tat noch nie gemacht. Käme mal auf einen Versuch an. Im letzten Urlaub hatten wir eine Woche geblockt, in der wir verreisen wollten. Montags sollte es losgehen. Sonntags wussten wir immer noch nicht so recht, wohin. Zum Flughafen und Last Minute etwas buchen, mit dem Fahrrad den Elbe Radweg oder einfach mal von zu Hause aus loswandern.

Montag früh starteten wir dann bei strahlendem Sonnenschein mit dem Rucksack und kleinem „Marschgepäck“ in Richtung Heidschnuckenweg. Als wir die Haustür schlossen, sagte mein Kapitän: „Ich glaube, das ist eine „Hansbunken-Idee“ [plattdeutsch für unsinnige Idee]. Wer weiß, wo wir heute Nacht überhaupt schlafen sollen.“ Ich rollte mit den Augen und ließ mich – glücklicherweise – nicht beeindrucken. „Das wird schon.“

2 Stationen mit der S-Bahn und der Urlaub beginnt

In Hamburg-Fischbek starten wir die erste Etappe von 26 Kilometern nach Buchholz. Diese Etappe ist eine der schönsten aus unserer Sicht. Eine Heidelandschaft wie aus dem Bilderbuch wechselt sich ab mit schattigen Mischwäldern. Man wandert vorbei an verwunschenen Waldsiedlungen, und unsere erste Heidschnucken-Herde sahen wir auch, wenn auch noch aus der Ferne. Direkt am ersten Tag. Volltreffer. Übrigens: Es empfiehlt sich unbedingt, genügend Wasser mitzunehmen. Einkehren kann man unterwegs nur in Nenndorf – und das nur mit größeren Umwegen. In Nenndorf kommt man aber an einer Schule vorbei, dort haben wir unsere Trinkflaschen auffüllen können.

Nach 26 Kilometern plus Weg zur/von der Bahn geschieht, was geschehen muss: Das angesteuerte Hotel ist ausgebucht. Der Gedanke der „Hans-Bunken-Idee“ kommt wieder hoch. Der Radius, den man zu Fuß (nach ca. 28 Kilometern) noch laufen kann scheint arg begrenzt. Also doch das Mobiltelefon aktiviert und ein Hotel in Buchholz (weitere 1,6 km entfernt) angerufen. Der Einwand meines Kapitäns: „Die haben garantiert nur noch eine Suite frei“, bestätigt sich. Wir nehmen die (überteuerte) sogenannte Suite. Laufen die 1,6 Kilometer und freuen uns auf die Dusche, ein Abendessen und das Bett.

Ab jetzt mit Hotel-Reservierung

Mit knapp dreißig Kilometern in den Beinen widmen wir uns Etappe 2 von Buchholz in der Nordheide nach Handeloh. Nur 15 Kilometer – ein Kinderspiel. Der Wanderweg ist ausgezeichnet markiert. An manchen Stellen haben Anwohner liebevolle Hinweise aufgebaut, wenn der Weg allzu unscheinbar und versteckt daher kommt. Wir sind überrascht, wie wenigen Menschen wir begegnen. Wir sind allein und das ist sehr schön.

In Handeloh liegt das Hotel, das wir mittels Smartphone am Abend zuvor noch reserviert haben, direkt am Weg. Im Hotel Fuchs kommen wir gut unter. Die Zimmer sind frisch renoviert und heben sich glücklicherweise von den noch nicht renovierten Fluren im 1970er (!) Jahre Stil ab. Bett und Bad ist ausgezeichnet und wir genießen es, in der Abendsonne die Füße auf unserer Dachterrasse abkühlen zu lassen.

Hexenhaus und Schnuckenstall

Die dritte Etappe (17 Kilometer) führt uns von Handeloh nach Undeloh. Schier unglaublich schöne Landschaften durchwandern wir. Das Seeve-Tal ist wie ein Urwald inmitten der Lüneburger Heide. Wunderschön. Das Hexenhaus in Wesel, ein altes Backhaus, ist einfach entzückend. Ein Selfie-Point davor wirkt seltsam deplaziert. Unsere Rast an den Pastorenteichen dürfte nie enden. Was haben wir aber auch für ein Glück mit dem Wetter!

Ein kleiner Abstecher an der „Heidehalle“ in Wesel, dem Vereinsheim der Schützen, lohnt sich. In ein paar Minuten erreicht man einen historischen Schafstall von 1800 in außergewöhnlicher Nur-Dach-Form. Früher umfassten die Schnuckenherden zumeist 50 – 70 Tiere und dienten neben der Fleischerzeugung der Düngerproduktion. Abgeplaggtes bzw. gemähtes Heidekraut wurde als Streu in den Ställen verteilt. Mit dem Dung der Schafe wurde so das Heidekraut zu brauchbarem Dünger.

Kulinarisch überzeugt uns die Heide bislang noch nicht. Landgasthöfe mit riesigen Karten, die alle irgendwie das gleiche anbieten. Heidschnucke mit Pilzen der Saison zum Beispiel. Man fragt sich, welcher Pilz in Norddeutschland im Mai Saison haben mag. In Undeloh, einem recht verschlafenen und angestaubten Ort, wählten wir also bewusst ein italienisches Restaurant, um nicht schon wieder im Einheitsbrei der Landgasthöfe unterzugehen.

Bel Posto heisst „schöner Ort“

Ein Italiener mitten in Undeloh. Und es ist wirklich ein „Bel Posto“. Wir sitzen an der Dorfkreuzung an rotkarierten Tischdecken in der Abendsonne und haben Aussicht auf die fast 800 Jahre alte Feldsteinkirche mit dem freistehenden hölzernen Glockenturm. Zum Abschluss der heutigen Wanderung hatten wir dort innegehalten und diesen Ort der Stille auf uns wirken lassen.

Nun sitzen wir gegenüber und genießen eine wirklich gute Pizza, eine Flasche italienischen Weißwein und freuen uns über den heutigen Tag. Wir sitzen bis in die Nacht mit dem Wirt, der eigentlich Portugiese ist und philosophieren über das Leben. Aber das ist noch einmal eine ganz andere Geschichte…

Auf Etappe 4 mit schlappen 15 Kilometern von Undeloh nach Oberhaverbeck durchqueren wir wieder unfassbar schöne Landschaften. Das Radenbachtal mit seiner Besen- und Glockenheide ist wunderschön. Im Talgrund weiden Kühe, die „Wilseder Roten“. Die „Dülmener Wildpferde“ lassen sich leider nicht blicken. Über den Pastor-Bode-Weg „erklimmen“ wir den 60 Meter hohen Wilseder Berg. Was für ein Aufstieg!

Endlich Heidschnucken hautnah

Den Auftritt einer großen Heidschnucken-Herde kosten wir in vollen Zügen aus. Wir sitzen am Wegesrand und lassen das Schauspiel an uns vorüber ziehen. Blökende Schafe, einige Ziegen und ein eifriger Hütehund, der den Schäfchen Beine macht, ein wortkarger, grummeliger Schäfer. Es wirkt wie ein Ballett, mit spröder, eigenwilliger Choreografie.

Wilsede ist dann der einzige recht touristische Ort auf unserer Wanderung. Der Inbegriff eines Heidedorfs, autofrei, mit Hufgeklapper und reetgedeckten Fachwerkbauten. Empfehlenswert auf jeden Fall der Besuch der „Bienenwelten“ in Niederhaverbeck, man erfährt dort sehr viel über das Leben der Bienen.

Unsere heutige Übernachtung in Oberhaverbeck ist nicht der Rede wert, dafür aber der Besuch des „Gasthof Menke“. Erfrischend hell und modern im Vergleich zu den anderen Landgasthöfen und sehr freundlich im Service serviert man dort traditionelle deutsche Küche auf einem guten, soliden Niveau. Der mit Preiselbeeren gefüllte Dosenpfirsich scheint aber auch hier leider unumstößlich.

Brunausee und Seeterrassen

Nach Bispingen führt uns die fünfte Etappe unserer Heidschnucken-Wanderung. 18 Kilometer von Oberhaverbeck aus. Und es ist die erste Etappe, die eine wirklich schöne Einkehrmöglichkeit ohne große Umwege von der Strecke bietet: Das Café Restaurant Seeterrasse ist ein erfrischend modernes und wirklich zeitgemäß dekoriertes Haus direkt am Brunausee. Die offizielle Strecke allerdings führt nördlich um den Brunausee. Will man einkehren, muss man südlich um den See wandern. Es lohnt sich! Moderne Küche, modernes Ambiente. Hier zeigt man: Die Lüneburger Heide kann auch anders, muss gar nicht verstaubt sein. Hier gibt es übrigens auch einen Campingplatz direkt am See, der sicherlich sehr schön ist.

Durch die Behringer Heide mit ihrem feinen weißen Sand, den die Heide noch nicht eingenommen hat, vorbei am Brunausee durch die Borsteler Schweiz, eine wilde Wacholder- und Heidelandschaft. Das ist Heide pur.

Das beste Hotel zwischen Hamburg und Soltau

Das Hotel „Schmucke Witwe“ wäre einen eigenen Blog-Beitrag wert. Keine Frage. WIE glücklich wir nach vier Nächten waren, in dieses Hotel zu kommen, kann ich kaum beschreiben. Ich kann nur jedem, der in die Heide fährt, empfehlen, eines der acht Zimmer zu buchen und von dort aus seine Kreise zu ziehen. In einem 2015 nach altem Vorbild neu errichteten Pastoren Haus ist ein wunderschönes Hotel mit Café entstanden. Die Zimmer sind als Themenzimmer nach Hermann Löns Gedichten liebevoll dekoriert. Edles Design, hochwertige Materialien, geschmackvolles Ambiente. Hier stimmt einfach alles.

Wir hatten das Zimmer „Die schönste Jagd“ – ein Traum in mattem, beruhigendem Grün, sehr individuell angefertigte Tischlerarbeiten, das über die Zimmerwände umlaufende Gedicht von Erich Löns:

Die schönste Jagd

Mein Schatz, das ist ein freier Schütz
Wohl auf der braunen Heid‘,
Er schießt die Hirsche und die Reh‘,
Denn das ist seine Freud‘;
Ja das Schießen, das lernt sich,
Wenn man fleißig es übt,
Auf Hirsche und Hasen
Und was es sonst wohl noch gibt.

Und wenn die Nacht ganz dunkel ist,
Der Mond gibt keinen Schein,
Dann klopft es dreimal leise an
Bei meinem Fensterlein;
Ja das Schießen, das lernt sich,
Wenn man fleißig es übt,
Auf Hirsche und Hasen
Und was es sonst wohl noch gibt.

Ich weiß wohl, wer da draußen steht,
Er trägt ein grünes Kleid,
Er schießt die Hirsche und die Reh‘,
Denn das ist seine Freud‘;
Ja das Schießen, das lernt sich,
Wenn man fleißig es übt,
Auf Hirsche und Hasen
Und was es sonst wohl noch gibt.

Und geht der Wind wohl hin und her,
Und trifft er wenig an,
Dann sucht mein Schatz ein andres Wild,
Auf das er jagen kann;
Ja das Schießen, das lernt sich,
Wenn man fleißig es übt,
Auf Hirsche und Hasen
Und was es sonst wohl noch gibt.

Wir haben diese Nacht in der Schmucken Witwe gegenüber der alten Kirche aus dem Jahre 1353 sehr genossen. Nachts war die Kirche mit einem Kreuz angeleuchtet und das nächtliche Kirchglockengeläut war einfach heimelig und schön. Auch kulinarisch ist man in Bispingen gut aufgehoben. Gegenüber von der Schmucken Witwe ist das empfehlenswerte Tafelhuus, das neben Hummer Bisque und Forellenfilets mit allerlei saisonalen und regionalen Spezialitäten aufwartet. All das in freundlicher und zeitgemäßer Atmosphäre.

Nach der Übernachtung in der Schmucken Witwe ist uns klar, wir wandern noch nach Soltau, werden dort aber nicht übernachten, sondern direkt mit der Bahn nach Hause fahren. Wir wollen dieses so überaus positive Übernachtungs-Erlebnis für sich stehen lassen.

23 Kilometer bis Soltau

Die letzte Etappe unserer Wanderung war vermutlich die unattraktivste Strecke. Vielleicht waren wir aber auch schon entsprechend „abgewandert“ und erschöpft von den vielen Eindrücken. Mich persönlich stört, dass die offizielle Wegführung des Heidschnuckenweges über den Parkplatz des Heidepark Soltau verläuft und einen Schlenker am Haupteingang entlang macht. Ein Umweg aus Marketing-Gründen? Was bezahlt wohl der Heidepark dafür?

Versöhnlich stimmt mich dann der Weg direkt durch Soltau. Vorbei an der Soltau Therme, durch den blühenden Park und die Fußgängerzone streben wir dem Bahnhof zu. Von dort nehmen wir die Bahn zurück nach Hause.

Fazit nach 120 Kilometern zu Fuss

  1. Nachhaltiger kann ein Urlaub nicht sein. Ein Urlaub komplett ohne Auto war auch für uns neu. Wir haben nur für die An- und Abreise S- und Regionalbahn genutzt. Wir waren online nicht verfügbar, das Handy war nur für Notfälle dabei, und einmal am Tag haben wir unsere E-Mails gecheckt. Das war einfach herrlich.
  2. Leider scheint die Lüneburger Heider eher ein Terrain für ältere und sehr alte Leute zu sein. Es ist so wunderschön dort. Warum schafft man es nicht, auch jüngeres Publikum dorthin zu ziehen. Warum sind die meisten Gastronomen und Hoteliers so eingestaubt? Wenn man nicht gerade auf „Retro“ steht, fühlt man sich in den meisten Unterkünften nicht wohl.
  3. Die Frage, was ist eigentlich Heimat: Oft ist einem nicht bewusst, WIE schön es unmittelbar vor der Haustür ist. So erging es uns. All die Fernreisen, all die Flüge in die weite Welt. Und doch ist es vor der Haustür so schön. Vielleicht einfach mal loslaufen…

Am Ende war es keine „Hansbunken-Idee“. Ganz und gar nicht. Mein Kapitän und ich haben diese Tage so genossen. Wir werden auf jeden Fall von Soltau aus weiter wandern: 111 Kilometer bis Celle und wer weiß, vielleicht auch noch viel weiter…

Wenn Ihr mehr über Lüneburg und Umgebung erfahren wollt

Dann solltet Ihr unbedingt den Blog „Ich bin ein Lüneburger“ besuchen. Dort schreibt meine Blogger-Kollegin Ruth Heume über die schöne Hansestadt und es gibt allerlei Interessantes zu entdecken!

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