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Weitwandern am Moselsteig

Weitwandern am Moselsteig: Erlebnisse & Tipps für die Etappen 9 - 16

12. August 2022 | Genussreisen

Einfach mal langsam machen. Minimales Gepäck und nur ein Ziel: Der Weg! So geht Entschleunigung. So schaltet man ab vom Alltag. Und das ganz einfach: ohne viel Ausrüstung, ohne teure Anreise. Ein Rucksack und gute Wanderschuhe – und schon kann es losgehen zum Abenteuer Weitwandern am Moselsteig.

Weitwandern am Moselsteig: Erlebnisse & Tipps für die Etappen 9 - 16

[Dieser Beitrag enthält Werbung. Zum einen für den Moselsteig, zum anderen für das ein oder andere Hotel oder Restaurant. ACHTUNG: Der Moselsteig kann süchtig machen. Zu Risiken und Nebenwirkungen können Sie mich gern jederzeit kontaktieren.]

Weitwandern hat etwas Rituelles: Aufstehen, Frühstücken, den Rucksack Schnüren, auf den Weg Gehen, Mittags-Rast, Weitergehen, Ankommen, Duschen, Wäsche Waschen, ein Gang durchs Dorf, Abendessen, Schlafen. Und morgen? Gleicher Ablauf – nur vor anderer Kulisse. Du nimmst diesen Rhythmus auf, schaltest völlig ab, vergisst die Welt da draußen. Gehen macht grundglücklich.

Der Moselsteig begleitet den kompletten deutschen Mosellauf von Perl am Drei-Länder-Eck bis zur Mündung in den Rhein am Deutschen Eck in Koblenz. Der Steig umfasst 24 Etappen,  knapp 16.000 Höhenmeter und 365 Kilometer ohne die Zuwegungen. Mit den Zuwegungen zu unseren jeweiligen Unterkünften sind wir schließlich auf rund 500 Kilometer gekommen.

Zum Thema Einkehr habe ich in meinem ersten Beitrag zu den Etappen 1 bis 8 bereits geschrieben. Um es kurz zu fassen, es gibt so gut wie keine Möglichkeiten zur mittäglichen Einkehr. Daher: nie ohne Proviant und ausreichend Wasser auf eine Etappe starten!

Moselsteig – Etappe 9 von Neumagen-Dhron nach Kesten (23 Kilometer, 565 Höhenmeter)

Wir starten in den Morgen und natürlich geht es nach einem Gang durch den Ort und über die Brücke auf der anderen Seite der Mosel wieder steil bergauf. Wie schon so oft werden wir auch heute für den Aufstieg mit spektakulären Aussichten belohnt. Wir wandern oberhalb des für seine großartigen Lagen berühmten Ortes Piesport, genießen den Ausblick auf die Barock-Kirche und die Mosel. Die Spoar-Kapelle lädt uns zum Verweilen, Innehalten und zum Anzünden einer Kerze für einen sehr lieben Menschen ein. Ein wunderbarer Ort der Ruhe.

Wir wandern bergauf durch die Weinberge – mit immer wieder neuen Ausblicken auf die wunderschöne Moselschleife, vorbei an Eco Vin Weingärten des Weinguts Kreuz-Bauer. Hier grasen Ouessant Schafe zwischen den Reben. Sie entblättern die Traubenzone der Reben, fressen Unkräuter zwischen den Reben und ihr Dung sorgt für den Humusaufbau am Weinberg – Eine Win-Win-Situation.

Ein winziger Abstecher vom Moselsteig zu einem schönen Aussichts-Plateau oberhalb der Staustufe Wintrich beschert uns eine wundervolle Mittags-Rast. Wir erleben die Stauung eines Fluss-Frachtschiffes und die Abfahrt eines Fluss-Kreuzfahrtschiffes. Wir sind zufrieden, dass wir an Land sind und einfach weitergehen dürfen.

Erwähnenswert im weiteren Verlauf der Wanderung ist sicherlich der römische Sauerbrunnen, der trinkbares Wasser in höchster Qualität bietet. Mein unerschrockener liebster Kapitän füllt seine Flasche, aber ist ob des extrem eisenhaltigen Geschmacks dann doch zurückhaltend.

Die neunte Etappe ist tückisch, besonders bei Hitze wie heute bei über 30° C. Irgendwie denkt man, jetzt geht es nur noch zurück bergab ins Moseltal. Aber nein! Der Moselsteig führt uns noch drei Mal über extrem steile Hänge in der prallen Sonne durch die Weinberge. Gefühlt nimmt der Weg an diesem Tag kein Ende, und die Sonne kennt keine Gnade.

Drei Esel am Wegesrand heben noch einmal meine Stimmung (ich LIEBE Esel!). Dann führt die Zuwegung von Osann-Monzel steil bergab nach Kesten. Die gute Stimmung hält an, bis wir unsere Unterkunft in einem Weingut in Kesten erreicht haben. Die Gastgeberin ist norddeutsch-wortkarg, das Zimmer unglaublich, beinahe museal. Hier ist bestimmt seit 40 Jahren nichts renoviert worden. Der Internet Auftritt hingegen ist super modern. Nie hätten wir nach dieser Website solch ein Zimmer erwartet.  So kann man sich täuschen.

Von einer früheren Weitwanderung, bei der wir ein Privat-Zimmer in der Pfalz bei einer Dame mit dem Vornamen Klärli hatten, das so schmutzig war, dass selbst mein liebster Kapitän nicht barfuß gehen mochte, ist bei uns der Begriff „Klärli-Zimmer“ hängen geblieben. Geflügelt Wort. Hoffen wir, dass es für den Moselsteig die einzige Klärli-Übernachtung bleiben wird. Mein liebster Kapitän kommentiert: „Manchmal ist es auch schön, nach einer Nacht weitergehen zu dürfen.“

Glücklicherweise gibt es ein paar Häuser neben unserer Unterkunft die Weinstube Sankt Michael. Dort werden wir sehr freundlich empfangen und bewirtet. So verbringen wir einen wundervollen Abend. In diesem Moment stimmt einfach alles: Die Atmosphäre ist so angenehm, dass es uns an nichts mangelt. Wir stärken uns abermals mit typischem Essen und Wein und sind einfach nur glücklich. Dem Heiligen Michael sei Dank!

Moselsteig – Etappe 10 von Kesten nach Bernkastel-Kues (22 Kilometer, 590 Höhenmeter)

Früh am Morgen treffen wir wieder unseren italienischen Wanderkollegen Lorenzo, der zusammen mit uns in Perl gestartet ist und ebenfalls bis Koblenz geht. Er zeigt uns voller Stolz seine Moselsteig-Stempelkarte und strahlt über das ganze braungebrannte Gesicht. Neun Stempel zeigt er uns vor, wir müssen jeden einzelnen würdigen. Am schönsten finden wir den Stempel der Jugendherberge in Trier, die offiziellen Stempel des Moselsteigs sind leider eher einfallslos: das Moselsteig-Logo mit der jeweiligen Etappen-Zahl. Auf Stempel Nummer zehn muss Lorenzo noch zehn Minuten warten, das Tourismus-Büro öffnet erst um 09.00 Uhr.

Und los geht es wieder steil bergan zurück nach Osann-Monzel, um wieder auf den Moselsteig zu gelangen. Etappe zehn verwöhnt uns im Weiteren mit moderaten Anstiegen und immer wieder phantastischen Blicken auf den Fluss, dem wir nun schon zehn Tage lang folgen.

In Mülheim überqueren wir wieder die Mosel und vorbei an weltberühmten Weinlagen erhaschen wir an der Grillhütte Andel den ersten Blick auf Bernkastel-Kues.

Die Burgruine Landshut ist unser nächstes Ziel. Meine Leser wissen es, mein Kapitän ist großer Burgen-Fan. Und fast war er schon ein bisschen maulig, im Sinne von „früher war mehr Burg“… Aber nun ist es endlich so weit. Eindrucksvoll thront die Burg Landshut über Bernkastel-Kues. Sie bietet neben einem gastronomischen Angebot – endlich eine Etappe mit Einkehrmöglichkeit! – die Besichtigung des Burgturms an. Über ein enges Treppenhaus, für das unsere Rucksäcke fast zu breit sind, erklimmen wir die Stufen. Ein atemberaubender Rundum-Blick eröffnet sich uns. Das sollte man sich nicht entgehen lassen! Hier lohnt sich übrigens ein kurzer Besuch der Seite der Burgruine Landshut. Dort gibt es ein Drohnenvideo der Burg, das den Aufbau der Burg sehr schön zeigt.

Im Schlosshof probieren wir noch Wein aus der Gegend und genießen den Sommertag, bevor wir nach Bernkastel-Kues hinabsteigen. Ein quirliger, lebendiger, von Touristen überlaufener Ort mit wirklich sehr, sehr schönen alten Fachwerkhäusern. Wir übernachten in einem winzigen Appartment, und die Wäsche übernimmt heute eine Waschmaschine. Wie praktisch, das gibt uns Gelegenheit, den Ort gründlich anzusehen.

Kulinarisch finden wir unsere Nische heute im Restaurant Ochs, das zum Hotel Burgblick gehört und auf der Kueser Seite der Mosel liegt. Für das Ochs wurde eine ehemalige Metzgerei hergerichtet: schwarz-weißer Kachelboden, weiß geflieste Wände, Metzger Utensilien hängen an den Wänden, es ist gemütlich. Der Service ist ein wenig freundlich-verpeilt, aber das Tomahawk Steak ein ganz großer Happen. Empfehlenswert!

Moselsteig – Etappe 11 von Bernkastel-Kues nach Ürzig (22 Kilometer, 590 Höhenmeter)

Wir starten früh und verlassen Bernkastel-Kues über den Doctorberg – wieder so eine berühmte Weinlage – und wandern die ersten knapp vier Kilometer stetig bergan bis zum Plateau Maria Zill. An dieser Stelle meiner Aufzeichnungen frage ich am Abend meinen Schatz, den Kapitän, ob er nicht einmal den Tag zusammenfassen könne. Das liest sich dann so:

„Zeltinger Sortengarten, Kaki, doofe Brücke, doofes Kloster, Rast: Hochmoselbrücke, noch mal steil den Weinberg rauf, Wald auf & ab, anstrengender 700 Meter Abstieg nach Ürzig, Weinprobe Mönchhof, erste Weinbestellung, Weingut Erbes Henn, super Gastgeber, Essen & Wein sowie auch Zimmer und 18. Geburtstag der Tochter, Telefonat Rhett, Arne & Ingrid, Wiltrud & Erich, und gute Nacht.“

Ja, so war das in etwa. Das geht mir aber doch ein bisschen zu zackig. Da muss ich jetzt doch noch etwas ergänzen: Der Sortengarten war bezaubernd. Neben alten, fast vergessenen Obstsorten gedeihen dort auch viele Obstsorten aus dem Mittelmeerraum, wie zum Beispiel Kiwi, Mispeln, Erdbeerbaum – einfach herrlich, durch diesen Garten zu spazieren. Die Brücke, ja, die Hochmoselbrücke ist laut und in unserer Wahrnehmung auch kein schöner Anblick, das Kloster in Machern hingegen ist wunderschön – aber leider sehr laut und überlaufen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Teller hier am Tag geschickt werden… Diese Art der Einkehr lassen wir lieber ungenutzt.

Die Rast am Rastplatz Hochmoselbrücke im Schatten eines Baumes in sengender Hitze hingegen war trotz der Brücke schön, weil lecker. Der Zuweg hinab nach Ürzig hatte es am Ende tatsächlich noch einmal in sich. 700 Meter steil, also WIRKLICH steil bergab. Die Schmerzen in den Waden sind aber nach Ankunft im Ort schnell verklungen. Auf dem Weg durch die Moselgemeinde mit geschichtsträchtigen Patrizier- und Fachwerkgebäuden biegen wir ab in den kühlen Innenhof vom Weingut Mönchhof. Eine große halbtrockene Weißweinschorle später probieren wir uns durch die trockenen Weißweine des Weinguts.

Im Weingut Erbes Henn werden wir so herzlich in Empfang genommen wie bislang wohl noch kein zweites Mal. Das Zimmer ist wunderbar, hier stimmt einfach alles. So kann man Zimmer in alten Gemäuern herrichten. Das macht Spaß!

Die kleine Bistro-Karte im Garten der Erbes Henns hält, was sie verspricht. Wir sitzen an Tischen mit üppigem Sommerblumen-Schmuck, der sympathische Winzer erklärt unaufgeregt die Weine, er und seine Frau sind äußerst charmante Gastgeber, die Atmosphäre ist entspannt – ein Abend an der Mosel wie im Bilderbuch. Die Familie Erbes Henn zieht sich zur Feier des 18. Geburtstags ihrer Tochter zurück, wir auf die schöne Terrasse mit Moselblick, wo wir mit einem Gläschen Riesling unsere Familien anrufen. „Und gute Nacht.“

Moselsteig – Etappe 12 von Ürzig nach Traben-Trarbach (19 Kilometer, 500 Höhenmeter)

Im Gästehaus des Weinguts Erbes Henn wachen wir bei strahlendem Sonnenschein auf, die Vögel jubilieren. Richten wir uns ein wenig im Bett auf, sehen wir die Mosel vorbeifließen. Ich denke: „Hier wäre ein Ruhetag nicht schlecht. Ausschlafen und einen Tag im Schatten an der Mosel dösen…“ Aber wir „müssen“ weiter. Nach einem sehr, sehr guten Frühstück geht das umso leichter.

Die Nacht der Nächte naht. Für Traben-Trarbach habe ich ein „Mosel-Glamping“ gebucht. Mein liebster Kapitän unkt schon seit Tagen, wie das wohl werden wird, mit den Mücken… und überhaupt… Camping am Wasser… Dabei macht er ein sirrendes Geräusch, das wir alle kennen.

Nachdem wir uns aus der Moselebene wieder hinauf bewegt haben, beginnt eine beeindruckend schöne Etappe mit herrlichen Ausblicken und wunderbaren, idyllischen Flusspanoramen.  Die Hochmoselbrücke, die wie ein Fremdkörper die Landschaft durchschneidet, rückt aus dem Gesichtsfeld. Die Gedanken, wie dieses Tal wohl vor dem Brückenbau und auch der Aufstauung ausgesehen haben mag, kommen bei dieser Wanderung häufig auf. Durch herrliche rebenbewachsene Hügel wandern wir die gesamte Moselschleife um Kröv herum ab. Wunderbar, zumal unsere Schritte beschwingt von einer Jazz-Kapelle unten in Kröv – anlässlich der längsten Musikmeile Deutschlands entlang der Mosel – immer leichter werden. Die Musik hallt leise über die Weinberge und macht uns gute Laune – mit Musik geht eben alles besser.

Wir passieren den Mont Royal mit Resten einer ehemaligen Festung, die von König Ludwig XIV Ende des 17. Jahrhunderts erbaut wurde. Um ehrlich zu sein, erschließt sich mir dieses Gelände nicht wirklich. Damit müssten wir uns wohl ausgiebiger auseinandersetzten.

Auf Etappe 12 gäbe es tatsächlich eine Einkehrmöglichkeit am Flugplatz des Deutsch-Amerikanischen Segelflug-Clubs.  Für technikverliebte Wanderer sicherlich ein schöner Stopp.

Die heutige Wanderung erscheint uns wie im Fluge vergangen und schon erreichen wir über schmale Pfade und Treppen die Peter & Paul Kirche von Traben Trarbach. Dann liegt die Jugendstilstadt Traben-Trarbach vor uns. Und es scheint, als ob die Haupt-Attraktion von Traben-Trarbach für uns tatsächlich unsere Unterkunft, das Mosel Glamping, ist.

Hier irgendwo wartet unser Glamp Camp auf uns. Mein liebster Kapitän hält meinen Wunsch, dort zu übernachten für „so’n Frauending.“ Mal sehen.

Kein Zweifel. Es ist grandios! Es ist unglaublich! Ein verwunschener, magischer Ort! Auf hölzernen Plattformen in einem geordnet-verwilderten Garten einer historischen Villa sind verschiedene Sitzplätze mit Rattan-Stühlen oder Deck-Chairs aufgebaut.  Im oberen Bereich ein Regenwasserbecken zum Chillen. Im Zentrum ein Feuerkorb mit gemütlicher, dick gepolsterter Relax-Liege und überall sind Windlichter aufgestellt. Ein solarbetriebener kleiner Brunnen plätschert munter vor sich hin, lockt allerlei Singvögel an.

Ein sandfarbenes, robustes Zelt wie bei einer afrikanischen Safari erwartet uns. Eine Terrasse, ein Vorraum mit Orient-Teppich und alter Seekiste, ein Schlafraum mit riesigem antikem Bett.

Einfach umwerfend. Ich bin „hin und wech“, wie der Norddeutsche sagt. Eine raffiniert integrierte kleine Küchenzeile mit perfekt verborgenem Kühlschrank und Grillmöglichkeit auf einer Schieferplatte. Das Waschbecken –  eine alte Emaille-Schüssel. Es ist alles einfach schön und zum Verlieben.

Das Bad unter freiem Himmel begeistert ebenso. Du duschst unter einem Dach aus Efeu. Das WC ist natürlich ein ganz normales wie in jedem Hotelzimmer – nur eben unter Efeu und freiem Himmel. Es gibt warmes Wasser zum Duschen und sogar eine Badewanne auf vier Beinen wartet auf den Gast. Hier hat sich ein kreativer Kopf mit handwerklicher Begabung ausgetobt.

Romantischer als im Mosel Glamping mit unzähligen Kerzen und einem Lagerfeuer mit Blick auf die Mosel kann es nicht mehr werden.

Der Abend könnte ewig dauern. Tut er aber nicht. Also ab in die Falle. Bei geöffnetem Zelt schlafen wir unter dicken, warmen Decken wie in Abrahams Schoß.

Das Aufwachen im ersten Zwielicht ist etwas sehr Besonderes: Der Blick aus dem Zelt… ein Traum. Heute fällt es uns schwerer als sonst aufzubrechen. Selbst mein liebster Kapitän sinniert: „Hier noch ein, zwei Nächte bleiben…“
Von wegen ‚Frauending‘!

Moselsteig – Etappe 13 von Traben-Trarbach nach Reil (22 Kilometer, 690 Höhenmeter)

Am Vorabend vorm Lagerfeuer hatten wir schon die Grevenburg im Blick und geahnt, dass das ein heftiger Anstieg würde. So ist es dann auch. Oben angekommen, genießen wir von der Grevenburg mit Burgschenke noch einmal den Ausblick auf das schöne Traben-Trarbach mit seinem Jugendstil-Charme.

Über die Dörfer Starkenburg und Enkirch führt der Weg abwechselnd durch Wälder und Weinberge – teils entlang wunderschöner Fachwerkhäuser, skurril dekorierter Gärten, eines originellen Feuerwehr-Museums. Manches scheint ein wenig aus der Zeit gefallen.

Eine Wegsperrung mit diesmal nicht so gut ausgeschilderter Umleitung führt uns gegen Ende der Etappe leider in die Irre. Wir nehmen am Ende eine sehr steile „Abkürzung“ durch die Weinberge, um Reil zu erreichen. Reil ist ein pittoresker Ort, sehr moselländisch. Genau wie man es sich vorstellt: Fachwerkhäuser, von Wein umrankte Terrassen, ein Weingut reiht sich an das andere.

Unsere Unterkunft in einem größeren Weingut ist wirklich nicht weiter erwähnenswert, außer vielleicht – und das ist für uns eine Premiere – durch einen herrenlosen Slip auf einem Bügel im Schrank.

Glücklicherweise haben wir für diesen Abend einen Tisch im Heims Restaurant im Reiler Hof reserviert. Schade, dass dort kein Zimmer frei war. Das Essen ist ausgezeichnet. Wir genießen Pulpo, Gänseleber, Schweinebauch und Zweierlei vom Kalb. Auch hier ist das Gourmet-Restaurant wegen Fachkräftemangel geschlossen, auf der Terrasse werden beide Karten ausgelegt.

Moselsteig – Etappe 14 von Reil nach Zell (15 Kilometer, 405 Höhenmeter)

Beim ersten Morgengrauen wachen wir auf und genießen den Blick auf die Weinberge, durch die wir am Vortag hinabgekraxelt sind. Kaum ist die Sonne hinter den Weinbergen aufgetaucht, packen wir wieder unseren Rucksack und brechen auf. Die Etappe 14 ist eine einfache, flache Wanderung, die zunächst der Kanonenbahn folgt und immer wieder Ausblicke im Panoramaformat bietet. So auch von den Bänken bei „Siggis Treff“, der angeblich täglich geöffnet sein soll. Heute ist er es jedenfalls nicht, dafür genießen wir die schöne Aussicht von dort.

Vom Prinzenkopfturm, der nur wenige hundert Meter später kommt, ist der Ausblick noch ungleich spektakulärer – dafür darf man die 113 Stufen aber nicht scheuen.

Weiter geht es vorbei an der Marienburg, heute eine Jugend-Bildungsstätte. Im Vorbeigehen zucken wir eher mit den Schultern – die Pracht der Marienburg erkennen wir erst später im Blick zurück.  Sie befindet sich hoch oben auf einem Bergrücken einer von der Mosel umflossenen Halbinsel auf einem schmalen Grat, an dem sich die Moselschleife des Zeller Hamm auf weniger als 300 Meter verengt. Wir haben das Glück, einen Güterzug mit bunten Containern zu beobachten, der die alte Doppelbrücke für Verkehr und Eisenbahn passiert, in den Tunnel einfährt. Während linkerhand die ersten Wagen in das alte Viaduct einfahren, ist der Rest des Zuges rechterhand noch auf der Brücke zu sehen.

Über breite Rampen und Wege durch die Weinberge erreichen wir bald den alten Weinort Zell. Auf der Fußgängerbrücke überqueren wir die Mosel, erfreuen uns am Blick auf die Kirche und den Hang „Zeller schwarze Katz“ – eine weltberühmte Weinlage, die es zu verkosten gilt.

Sehr empfehlenswert in Zell ist ein Besuch bei der national und international vielprämierten Metzgerei Georg. Hier füllen wir unseren Proviant mit Wingertsknorzen, Winzerringen und Winzersalami auf und sind für die nächsten Tage bestens versorgt.

Unsere Unterkunft heute finden wir im Hotel Zum grünen Kranz: Unser Zimmer Nummer 21 ist ein sehr schönes, modernes mit phänomenaler Aussicht vom französischen Balkon auf die Mosel. Ich freue mich schon, hier morgen früh aufzuwachen und dieses Bild vor Augen zu haben.

Sogar in der Nacht war der Ausblick mit all den Lichtern wunderschön. Morgens fühlten wir uns wie im Glamping Zelt von Traben-Trarbach mit Panorama-Ausblick. Definitiv eines der außergewöhnlicheren Hotels entlang unserer Route.

Moselsteig – Etappe 15 von Zell nach Neef (22 Kilometer, 890 Höhenmeter)

Etappe 15 und heute tatsächlich mal mit einer Mittags-Einkehr. Doch zuvor will noch der Aufstieg zum Collis Turm bewältigt werden. Eine Tafel warnt, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit seien erforderlich, der Weg nur für geübte Wanderer geeignet. Mittlerweile wissen wir, diese Schilder ernst zu nehmen: 700 Meter geht es auf steilen, sehr schmalen Pfaden und teils sehr hohen Stufen bergan. Manche Stiegen sind so schmal, dass mein Rucksack an der Felswand anstößt. An den schwierigsten Stellen gibt es Tampen und Haltepunkte.

Durch ausgedehnte Wälder und Weinberge wandern wir mit immer wieder schönen Aussichten auf Bullay, die gegenüberliegende Eisenbahnbrücke und die Marienburg – auf unseren gestrigen Weg also.

Und nun kommt endlich die ersehnte Einkehr in „Onkel Toms Hütte“. Mein liebster Kapitän behauptet ja, ich wandere sowieso nur wegen der Einkehr… Onkel Toms Hütte, das vom Weingut Lenz betrieben wird, ist ein wirklich schöner Ort, sehr gepflegt mit hübschen Gartenanlagen und gepflegtem Mobiliar einschließlich netter Bedienung und Aussicht. Es werden sogar Gästezimmer angeboten. Wir lassen uns eine Weißweinschorle und „Gerupfte“, eine regionaltypische Frischkäse-Zubereitung, schmecken.

Gut gestärkt nehmen wir die zweite Hälfte unserer Wanderung nach Neef in Angriff. Wir durchwandern Weinberge mit idyllischem Flusspanorama, gehen durch ausgedehnte Waldstücke und über alm-ähnliche Wiesen mit Ziegen und Glocken-Gebimmel, bis wir den Petersberg mit seinem Gipfelkreuz erreichen. Der Friedhof auf dem Petersberg ist der einzige Höhenfriedhof in der gesamten Mosellandschaft. Die Peterskapelle wurde im 12. Jahrhundert erbaut. Während in früheren Zeiten die Verstorbenen noch über den steilen Weinbergpfad in einem feierlichen Ritual nach oben getragen wurden, werden sie seit 1959 auf einer asphaltierten Straße gefahren. Eine Besonderheit hier ist auch das Mikro-Klima und die große Artenvielfalt – wieder ein „Leuchtpunkt“ der biologischen Vielfalt auf dem Moselsteig.

Das Etappenziel Neef ist ein verschlafenes kleines Dorf, Einkaufsmöglichkeiten gibt es keine. Wie gut dass wir gestern bei der Metzgerei Georg vorgesorgt haben. Unsere Unterkunft in Neef beim Weingut Amlinger ist eher unpersönlich mit kontaktlosem Check-in und vielleicht auch eine Spur zu teuer für das, was geboten wird.

Moselsteig – Etappe 16 von Neef nach Ediger-Eller (12 Kilometer, 425 Höhenmeter)

Die Calmont! Das scheint seit Tagen wie eine Ansage. Nicht nur, dass wir den GANZEN Moselsteig gehen, scheint besonders – das haben wir so gut wie überall gehört – aber den Calmont… Fast hätte er uns schlaflose Nächte bereitet, mit so viel Ehrfurcht wurde überall vom steilsten Weinberg Europas, dem Bremmer Calmont, gesprochen. Wir wollen zwar nicht den Klettersteig mit Leitern oder Stufen nehmen, das ist uns mit Gepäck dann doch zu viel. Aber auch die „normale“ Etappe sei zwar die kürzeste, aber auch die herausforderndste, heißt es überall. Und nun ist er da, der Tag der Tage: Etappe 16 mit der Calmont.

Dichte Bewölkung, leichter Regen, den wir als Norddeutsche als „hohe Luftfeuchtigkeit“ abtun. Wir durchqueren schöne Streuobstwiesen mit vielen Pfirsich-Bäumen, Himbeeren und Brombeeren, stehen dann vor einem Umleitungsschild. Offenbar ist auf dem offiziellen Moselsteig ein Hang abgerutscht. Nicht so gut ausgeschildert und nach ein paar kleinen Umwegen finden wir den steilen, sehr steilen Weg hinauf zum Calmont Gipfelkreuz. Mittlerweile regnet es. Auch nicht schlimm, immerhin ist es warm. Kurz vor dem Gipfelkreuz gibt es einen kleinen überdachten Aussichtspunkt, der – ehrlich gesagt – eine noch viel großartigere Aussicht bietet als vom Gipfelkreuz selbst.

Bald erreichen wir eine weitere interessante Station unserer Wanderung: Das römische Bergheiligtum. Der gallo-römische Tempel mit den beiden charakteristisch ineinander liegenden Vierecken wurde 2005 freigelegt. Der Mittelbau ist 4 X 4 Meter groß, der überdachte Umbau 8,9 X 8,9 Meter. Zur Veranschaulichung wurde der Tempel wieder aufgebaut. Leider ist nicht bekannt, welche Gottheiten hier verehrt wurden, da zahlreiche Raubgrabungen Funde zerstört haben.

Bei der „Todesangstflagge“ geht es dann talabwärts zum Bahnhof: Steil, zum Teil mit Seilen. Hier ist es herrlich warm, fast mediterran; wir spüren, wie das Gestein die Wärme speichert, und fühlen uns wie in Südeuropa.

Im Ortsteil Eller beziehen wir heute unser Quartier beim Wein + Gut Oster. Ein Kontakt, den ich über den Blog geknüpft hatte, und zwar über das Kochbuch der Generation Riesling. Hier hatte ich einmal ein Wild Burger Rezept nachgekocht – eben genau von diesem Weingut. Rund zwei Jahre später hatte Daniel Oster meinen Beitrag noch einmal auf seinem Facebook Account hochgeladen. Da war ich gerade in der Planungs-Phase für den Moselsteig. Nachgeschaut, liegt am Weg – klar, dass wir hier in der Straußwirtschaft der Familie Oster einkehren und sogar bei ihnen übernachten würden. Ich sage ja immer gern: „Es gibt keine Zufälle.“

Uns erwarten ein schönes, sehr großes Zimmer mit Wohn- und Schlafraum und eine gemütliche, sehr moderne Vinothek. Grüne Samtsessel, Holztische, die Farbe Schwarz dominiert, moderne Lampen und – endlich – keine Schlager, sondern moderne Musik!

Wir genießen ein leicht gepökeltes Schnitzel mit super-knuspriger Panade – ich vermute mindestens Cornflakes und Haferflocken. Aber auch der „Lumpensalat“ mit Bergkäse und Fleischwurst und feiner Marinade, der viel frischer daherkommt, als in vielen anderen Restaurants, überzeugt. Der Metzger sitzt am Nachbartisch, erzählt uns der Senior, kein schlechtes Zeichen.

Die Atmosphäre in der Vinothek ist erfrischend modern und nicht so angestaubt, wie wir es leider entlang des Moselsteigs häufig erlebt haben. Die Familie Oster ist außerordentlich sympathisch und offenbar ein gutes Team. Hier packen alle mit an: die Junior-Chefin kocht, der Winzer und der Senior schmeißen den Service auf der rappelvollen Terrasse und in der Vinothek. Die Senior-Chefin fällt, wie wir erfahren, wegen Corona aus.

Daniel Oster, der das Weingut heute in dritter Generation führt, ist gebürtiger Österreicher, ein schlanker, kerniger Typ mit markantem schwarzem Vollbart. Er brennt für seinen Beruf, uns scheint, es ist Berufung. Wein in Steil- und Steilstlagen – und wir sprechen hier von 60° – 70° – anzubauen, das käme seinem Naturell entgegen, erzählt er. Er kraxele gern, und den Wein, den mache er aus dem Bauch heraus, lässt er uns wissen.

Die Arbeit am Weinberg ist intensiv, vier bis fünf Jahre vergehen bis zum ersten Ertrag. Die Osters betreiben einen professionellen Vollerwerbsbetrieb. Mit den Industrieweinen aus den Discountern wollen sie auf keinen Fall  konkurrieren, sondern handwerklich guten, hochwertigen Wein herstellen. Die Osters sind wohl eher die romantischen Winzer. Ideale Bedingungen – insbesondere für Riesling – haben sie auf den warmen Schieferböden und bei dem sehr milden Klima dieser Region . Aber sie bauen auch weniger bekannte Burgunder Sorten an – das steinige Terroir begünstigt dabei das Spiel von Aromen, Säure und Mineralität.

Ein kurzweiliger Abend mit viel Wein-Wissen und Wein-Verkosten geht recht spät zu Ende. Gut, dass wir nur noch ein paar Schritte über den Hof müssen…

Wenn Ihr mir bis hier entlang der Mosel gefolgt seid, ist das großartig! Danke für Euer Interesse. Ein Beitrag über die letzten acht Etappen vom Moselsteig erscheint in Kürze. Die ersten acht Etappen findet Ihr hier.

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  1. CHAPEAU!, ihr fröhlichen, ausdauernden Wandervögel! Weiterhin war es mir eine große Freude, nun diese acht Etappenberichte zu lesen und eure tollen und einzigartigen Erlebnisse gedanklich, unterstützt durch die grandiosen Fotos, nachzuvollziehen. Wehmut und ein gewisser Neid schleichen sich ein. Ich wünsche euch noch viele erlebnisreiche, eindrucksvolle Unternehmungen und freue mich schon jetzt auf neue Berichte! Mach doch ein Buch daraus! Ich bleibe eine treue Leserin! Alles Liebe und herzliche Grüße von Ingrid

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